Interview zur Expo Real 2019: Bernhard Bomke über „Nachhaltigkeit“, Horst Seehofer und vieles mehr

Bernhard Bomke (29+) ist Immobilienjournalismus-Urgestein und ein echter Expo-Real-Ultra. Seit vielen Jahren pilgert er nun schon zur Messe nach München. Seine Anreise hat sich zuletzt aber erheblich reduziert, seit er seinen Wohnort in die bayerische Landeshauptstadt verlagert hat. Damals, im Frühjahr 2018, als er von der Immobilien Zeitung in Wiesbaden zum Finanzen Verlag wechselte. Die Älteren unter uns erinnern sich noch. Aus Sicht der Strategiekollegen gibt es also kaum einen besseren Ansprechpartner, um einen Blick nach vorne auf die Expo Real 2019 zu werfen.

Bernhard Bomke zerlegt auch in Bayern lieber Schwarzwälder Kirschtorte(n), statt in Tortendiagrammen zu denken.

Herr Bomke, darf man Sie schon Expo-Silberrücken nennen oder fällt Ihnen ein besserer Name ein?

Expo-Silberrücken? Sind Sie jeck? Sagen wir so: Die Expo Real ist ja weder Zoo noch Nationalpark, sondern die Mutter aller Messen für Hütten und Paläste. Insofern eher weniger Silberrücken. Ganz im Gegenteil: Wenn ich mich nicht verzählt habe, ist es für mich die 18. Expo Real. Ich bin nun also volljährig und kann endlich tun und lassen, was ich will.

Haben Sie Ihren Blick auf München nun als „Wahlbayer“ an einigen Stellen revidiert?

Nicht wirklich. Ich bin schon immer gerne auf den Olympiaturm hochgefahren und habe die Stadt von oben betrachtet. Das ist unverändert total famos, auch bei Sturm und Nebel. Da gibt es nichts zu revidieren. Einfach fantastisch. So eine Turmfahrt ist in diesem Jahr allerdings 28,6 Prozent teurer geworden. Eine Frechheit. Ich fordere daher eine Kappungsgrenze. Alle Welt regt sich über die teure Maß Bier auf der Wiesn auf, die schon immer teuer war, aber über die explodierten Ticketpreise für den Olympiaturm redet kein Mensch. Ich schätze, das liegt an den Systemmedien. Und an der Turmbausparte der Immobilienwirtschaft, die knallhart ihre Interessen durchsetzt.

Was würden Sie Ihrem jüngeren Bernhard empfehlen? Was sollte er auf die Messe mitnehmen – und was vielleicht eher nicht?

Mitnehmen? Auf jeden Fall ein Deo mit Aluminiumanteil nicht unter 28,6 Prozent, denn in den Messehallen ist es immer viel zu warm. Und eine Kellnerschürze. Es könnte nämlich gut sein, dass diesmal zu wenig Leute fürs Catering gefunden wurden und noch spontan Freiwillige angeheuert werden – auf Minijobbasis. Jedenfalls wurden bis kurz vor Messebeginn in Münchener Gratiszeitungen noch Servicekräfte gesucht. Typischer Fachkräftemangel. Keiner will mehr Dienstleister sein.

Eher nicht mitnehmen: E-Scooter und Smartphone. Einfach zuhause lassen. Stören auf der Messe nur. Ist gut für die eigenen Nerven und man steht mit den Dingern nicht immer nur im Weg. Und man macht nicht viel zu viele Bilder, die hinterher ohnehin keiner sehen will.

Gibt es in diesem Jahr Highlights für Sie oder vermissen Sie etwas?

Ich werde Horst Seehofer vermissen. Manche wissen das gar nicht, aber das ist der Bundesbauminister. Der sagt immer, die Immobilienwirtschaft und der Wohnungsbau seien total wichtig, auch außerhalb Bayerns, aber er ist nie dort, wo es um all so was geht. Das macht mich echt sauer. Wäre ich die Messegesellschaft, würde ich aus Prinzip seine Amtsvorgängerin Barbara Hendricks einladen, wenn er schon keinen Bock hat. Die hat sich für die Branche wenigstens interessiert und zum Beispiel dafür gesorgt, dass viel mehr Geld in den sozialen Wohnungsbau floss. Bei Horst Seehofer wird es nun wieder deutlich weniger, aber er verkauft das als Rekord. Der Mann hat Talent und ist ein Highlight, auch wenn er gar nicht da ist.

Zu den richtigen Messe-Highlights gehört auf jeden Fall das Panel „Das große Fressen“. Ich glaube, da treffen unter anderem so Billigheimer wie Aldi Süd und Norma auf die Bioladenmarke Dennree. Mal gucken, wer da am nachhaltigsten „nachhaltig“ sagt.

Und ich werde mal bei der Malta Property Foundation vorbeischauen. Vielleicht kennen die sich da gut mit Ankerzentren aus. Ich würde die Kontaktdaten hernach an Horst Seehofer weiterleiten. Dann kommt er vielleicht auf die Expo Real 2020.

Und in der Stadt: Was kann oder sollte man nicht verpassen, wenn man eh gerade hier ist? Irgendwelche Geheimtipps?

Geheimtipps verrate ich grundsätzlich nicht. Aber innovativ-disruptiv könnte eine alternative Schnitzeljagd sein. Hier in der Stadt hängen – der Himmel weiß, warum –  schon seit Anfang Juli jede Menge Hinweisschilder zur Expo Real an Laternenpfählen rum. Wer die meisten dieser Schilder findet, sollte einen Preis bekommen, und zwar den Golden Expo Sign Award.

Hinweis-Schild zur diesjährigen Expo Real Anfang Juli.
Schon Anfang Juli wies nicht nur dieses Schild auf die anstehende Expo Real 2019 hin.

Aber okay, noch zwei Tipps. Sensationell leckeres Eis gibt es bei Giovanni L. zwischen Stachus und Hauptbahnhof. Und für zünftiges Essen ab ins Wirtshaus Westend, Ganghoferstraße – zwischen Theresienwiese und Heimeranplatz.

Sehnen Sie sich eigentlich manchmal zurück nach Hessen?

Ich versteh die Frage nicht. Wissen Sie: Bayern ist echt cool. Hier wird an einem Tag der Bayerische Rundfunk bestreikt, sodass den ganzen Tag im Radio nur Dudelmusik läuft, und am nächsten Tag kriegt Markus Söder, der Ministerpräsident, im Radio ein langes Interview, in dem er seine eigene Politik, die nur er selber kennt, ständig klug nennen darf. Also, an einem Tag wird Revolution gespielt, und am nächsten spricht der König. Dafür müssen Sie woanders Eintritt bezahlen, in Bayern brauchen Sie nur das Radio einzuschalten.

Und nun noch eine Frage in eigener Sache: Klingt der Name „Strategiekollegen“ eigentlich blöd?

Ganz im Gegenteil, der Name könnte aus der Innovationsschmiede des Zentralen Immobilien Ausschusses stammen. Das ist der Verband, der, glaube ich, 3,7 Millionen Immobilienunternehmen mit mehr als 40 Millionen Beschäftigten vertritt. Mir gefällt in dem Namen vor allem das Wort Strategie. Warum? Oft wird ja zufällig Gelungenes rückwirkend als Ergebnis irgendeiner Strategie verklärt. Das klingt dann nach einem Plan, der aufgegangen wäre. Technisch ist das ungefähr so, als würden Immobilien ohne jede Veränderung rückwirkend einfach für nachhaltig erklärt. Das ist natürlich nur ein Beispiel und kommt in der Wirklichkeit nicht vor.

Darf ich mir noch was wünschen?

Nur zu.

Ich finde, man sollte die Expo Real nicht mehr im völlig überboomten München austragen, sondern in einer der B-, C- oder D-Städte. Also, in Erfurt, Halle, Leipzig oder Dresden. Oder in Oberhausen. Oder in Bielefeld. Oder irgendwo in Hessen, Offenbach, zum Beispiel. Kollateralvorteil: Dort müsste man nicht nur über bezahlbares Wohnen fantasieren, sondern könnte sich gleich angucken, wie das geht. Eine Expo Real mit klarem Win-Win-Appeal.